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Schönheit gegen Armut

18.06.2015 13:15

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Viele Kinder aus ärmeren Familien starten ohne Frühstück in den Tag. Topmodel Franziska Knuppe unterstützt nun das Potsdamer Projekt „Spirellibande“

Schönheit gegen Armut
Topmodel Franziska Knuppe besuchte am Mittwoch die „Spirellibande“ und frühstückte ausgiebig mit den Kindern der Grundschule am Nuthetal.

Ein harmonisches Bild in der Schule am Nuthetal

Es war ein harmonisches Bild, das sich am gestrigen Mittwochmorgen in der Schule am Nuthetal bot: Etwa 30 Schüler verschiedenen Alters, die laut quatschen, entspannt zusammen sitzen und gemeinsam frühstücken. Mittendrin Topmodel Franziska Knuppe: Sie ist als Botschafterin der Aktionswoche gegen Kinderarmut hier, die von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Potsdam und der Aktion Mensch organisiert worden ist und noch bis zum morgigen Freitag läuft.

„Wir sehen in unserer Arbeit täglich, dass es vielen Kindern am Nötigsten fehlt“, sagt AWO-Geschäftsführerin Angela Basekow. „In dieser Woche wollen wir darauf aufmerksam machen und zeigen, wie man helfen kann.“ Franziska Knuppe unterstützt dabei am Mittwoch die Mitarbeiter der „Spirellibande“, ein Projekt der AWO Potsdam, das bereits seit 2007 dafür sorgt, dass die Schüler in sozial schwächeren Teilen der Landeshauptstadt ein ausgewogenes Frühstück zu sich nehmen. „Leider kann das in vielen Familien nicht geleistet werden“, so Basekow. „Darunter leiden natürlich die Konzentration und die schulischen Leistungen.“

Sechs Schulen betreut die „Spirellibande“ derzeit, eine siebte soll demnächst dazu kommen. Dabei gehen die Helfer direkt an die Schulen und schmieren ab halb sieben Brote, schneiden Obst und Gemüse. Zum Essen sind alle Schüler willkommen, egal ob sie aus sozial schwächeren Familien kommen oder nicht. An der Schule am Nuthetal läuft das Projekt jetzt schon zwei Jahre, Mitarbeiter Winfried Rager ist seit Mitte November vergangenen Jahres dabei und inzwischen eine feste Institution für die Schüler, von denen manche am Mittwoch schnell in die Küche huschen, um ihn mit einer Umarmung zu begrüßen.

Viele Schüler kämen mit Problemen auf ihn zu und erzählten ihm auch persönliche Dinge, sagt er. „Im Prinzip kann man gar nicht mehr unterscheiden, ob sie nun wegen des Essens oder der Zuwendung herkommen“, so Rager. Manche Kinder oder Jugendlichen hätten ihm auch von ernsten Schwierigkeiten in der Familie erzählt. „Es ist sehr gut, dass sie so ein Vertrauen haben“, sagt der „Spirellibanden“-Helfer. „Wir können dann schnell reagieren und etwa Sozialarbeiter einschalten.“ Insgesamt habe er den Eindruck, dass die Schüler die friedliche Atmosphäre des Beisammenseins sehr genießen.

Das findet auch Franziska Knuppe, die seit ihrer frühen Kindheit in Potsdam lebte, einst beim Kellnern im Café Heider von Designer Wolfgang Joop entdeckt wurde und nun vor den Toren der Stadt wohnt. Mit ihr, dem berühmten Gast, sprechen die Kinder völlig ohne Scheu. „Es ist ganz toll, wie freundlich alle grüßen und wie es ihnen auch sichtlich schmeckt“, sagt sie. Knuppe, die selbst Mutter einer siebenjährigen Tochter ist, war von Anfang an sehr motiviert, die Aktion zu unterstützen, erzählt sie. „Es tut einem schon weh zu wissen, dass es sich viele Familien nicht leisten können, ihren Kindern ein Frühstück, geschweige denn eine Vesper mitzugeben“, so das Model. „Umso wichtiger ist es, dass die ,Spirellibande’ mehr Aufmerksamkeit bekommt.“ Es sei ihr auch wichtig, ihrer Tochter, die „mit einem vielfältigen Inhalt der Brotbüchse eher verwöhnt ist“, zu vermitteln, dass das eben keine Selbstverständlichkeit ist, sagt sie.

Etwa 50 Kinder nehmen täglich das Frühstücks-Angebot der „Spirellibande“ an den verschiedenen Schulen wahr, das sind bei 104 Kindern an der Nuthetalschule fast die Hälfte der Schüler, wie Direktorin Gudrun Lehmann sagt. Es sei ganz wichtig, die Familien auf diese Weise durch Schulessen zu unterstützen. Sie merke auch deutlich den Erfolg des regelmäßigen Frühstücks. Die Kinder seien aufmerksamer, sozialer und würden inzwischen auch viele Angebote an der Schule annehmen. „Am Anfang haben viele nur einen Joghurt gegessen“, sagt sie. „Jetzt wird auch kräftig beim Gemüse und den Quarkstullen zugelangt.“ Zum täglichen Ritual gehöre auch das anschließende Zähneputzen, das dazu beitragen soll, dass ein geregelter Ablauf in das Leben der Kinder kommt, wie Lehmann betont.

Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung ist deutschlandweit fast jedes vierte Kind von Armut betroffen oder bedroht: 2,6 Millionen Kinder unter 15 Jahren wachsen demnach in einer Familie auf, die wegen des geringen Haushaltseinkommens als armutsgefährdet gilt oder Hartz-IV-Leistungen bezieht (PNN berichteten). In Potsdam gibt es derzeit nach Angaben der Arbeitsagentur 2452 Familien, die Hartz-IV-Leistungen beziehen und ein oder mehrere Kinder haben. Insgesamt sind damit in der Landeshauptstadt mehr als 3800 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre betroffen – das ist laut Statistik mehr als jedes siebte Kind in Potsdam.

Ein Bericht von Sarah Kugler

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