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Institutionalisierung ist das Ziel

28.02.2018 16:28

Die Spirellibande

Institutionalisierung von kostenlosem gesundem Frühstück zur Armutsprävention ist das Ziel

Die Potsdamer Stadtverwaltung will am 7. März 2018 das Konzept für das geplante kostenlose Frühstücksangebot für rund 750 Schüler an 14 Schulen vorstellen. Ein Beschluss in der SVV dafür ist nicht nötig. Catering-Unternehmen sollen das Frühstück zubereiten und liefern, ein pädagogisches Zusatzangebot wie bei der Spirellibande, die seit zehn Jahren an sieben Schulen das Frühstück organisierte, ist aus „pragmatischen Gründen“ in dem Konzept nicht vorgesehen. Das ist zu kurz gesprungen, da die Gesamtheit des Projektes nicht weiter geführt wird. Eine Bilanz der vergangenen Tage aus Sicht des AWO Bezirksverbandes Potsdam:

 

AWO-Chefin Angela Schweers zum Potsdamer Aus für die Spirellibande:

„Zehn Jahre lang haben wir in Potsdam viel Kraft und Energie in ein kleines Projekt gesteckt, was Kindern zum Bildungserfolg verhelfen soll – der „Spirellibande“.  Dies wurde möglich durch zahlreiche großzügige Spender, die von der Idee überzeugt waren. Wir bedanken uns bei jedem einzelnen Spender für die Unterstützung. Die ernüchternde Bilanz der vergangenen Tage: von einem ganzheitlichen Ansatz für die Kinder wurde das Projekt wegen angeblicher Hygieneprobleme runtergestuft zu einem Dienstleitungsauftrag für Caterer.  Es ging uns um mehr als nur ein Frühstück für alle Kinder. Dies wurde von der Stadt Potsdam trotz der jahrelangen Zusammenarbeit und der Auszeichnungen für die Spirellibande (Ehrenamtspreis der Landeshauptstadt 2016) offensichtlich nicht als weiterführbar eingeschätzt.

Für uns stehen weiterhin drei Fragen im Vordergrund: Was wird gegen Kinderarmut unternommen? Welches Konzept hat die Stadt Potsdam, um Kinderarmut wirksam zu bekämpfen? Und vor allem: wie geht es jetzt weiter mit der Spirellibande?

Das kostenlose Schulfrühstück wird ab dem nächsten Jahr für zwei(!) Jahre an 14 Schulen durch die Stadt Potsdam finanziert. Das ist erst mal gut. Die Spirellibande hat den Bedarf öffentlich gemacht und eine Verstetigung durchgesetzt. Der Wehrmutstropfen bleibt die Qualität! Wir hoffen, dass die Schulen diese nicht berücksichtigte Seite in der Ausschreibung beachtet und das Projekt, so wie es damals vor zehn Jahre konzipiert wurde, doch noch zu einem Erfolg führt.

Die sieben Schulen, an denen wir in den vergangenen Jahren mit der Spirellibande tätig waren, haben ein hohes Niveau des Angebotes erreicht und damit tatsächlich die Chancengleichheit für alle Kinder befördert. Und nur das war unser Ziel, dass wir mit einem gemeinsamen Frühstück an der Schule erreichen. Denn ohne Energie sind die Kinder nicht aufnahmefähig für den täglichen Unterricht.

Unsere vielen Ehrenamtlichen und unsere Angestellten sind natürlich zufrieden, dass der Bedarf ihrer Arbeit erkannt wurde, aber der Abschied von den Kindern und den Lehrern und Lehrerinnen fällt trotzdem sehr schwer. Es beginnt zumindest für Potsdam die Zeit des Abschieds. Wir danken allen für ihren großen Einsatz und das Engagement für eine Arbeit, die den Kindern diente.

Und zugleich beginnt die Zeit des Neuanfangs im Potsdamer Umland. Die Spirellibande macht weiter. Im Havelland sind wir schon mit dem Ketschup-Klub und die Anfragen aus Mittelmärkischen Schulen können nun bedient werden.

Für Potsdam wird die Spirellibande jetzt die Bildungspatenschaften aufbauen und die Chancengleichheit in einem weiteren Aspekt bereichern – bis zur Institutionalisierung – aber bestimmt nicht über Catering. Wir machen weiter! Nicht für uns, für die Kinder!“

 

Wie es dazu kam:

Am vergangenen Freitag sprach Christina Wieda von der Bertelsmann Stiftung zur Bekämpfung von Kinderarmut auf dem Fachtag „Chancengerechtigkeit für alle Kinder in Potsdam“. Ihr Fazit: Um Kinderarmut nachhaltig zu begegnen, braucht es nachhaltige Beziehungsarbeit – und das kostet Geld. Aber am Ende zahlt die Gesellschaft viel weniger, denn nur über diese Fürsorge, Hingabe und Beziehungsarbeit kann man Kinder und Erwachsene in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem mitnehmen, die zurückgelassen werden. Dem können wir nur zustimmen. Diese zwei wichtigen Grundlagen - Beziehungsarbeit und Nachhaltigkeit - sind immer Bestandteil der Spirellibande.

Nur einen Tag später, am Samstag den 24.02.2018, wird durch einen Bericht in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ deutlich, dass die Stadtverwaltung eine pragmatische Lösung für die Thematik „Essen“ bevorzugt, wie sich der Sozialdezernent und SPD-Kandidat für die Nachfolge von Jann Jakobs als Oberbürgermeister von Potsdam, Mike Schubert, zitieren lässt. Eine Formulierung, die bei uns völliges Unverständnis auslöste. Und Noosha Aubel, Bildungsbeigeordnete in Potsdam, erklärte, dass Caterer oder Spirellibande für den Haushalt keinen Unterschied mache. Dieser Satz spricht für sich.

Die Entscheidung, privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen mit der Verpflegung der Schulen zu betrauen, wird begründet mit hygienischen  Anforderungen. Seit Jahren hat aber die Spirellibande an den Schulen gut und einvernehmlich mit dem Hygieneamt zusammengearbeitet und immer Lösungen gefunden. Das ist also ein Scheinargument. Die tatsächlichen Gründe der Stadt, die vielfach gelobte Arbeit der Spirellibande zu beenden, bleibt leider im Verborgenen  - oder es gibt sie vielleicht gar nicht?

Schon vor Jahrzehnten wurde der Fehler begangen, dass Küchen in Schulen und Kindergärten zurückgebaut wurden, es somit keine einrichtungsangehörigen Köche und Küchenhilfen mehr gab. Ab diesem Zeitpunkt übernahmen Catering-Unternehmen die Versorgung an Kindergärten und Schulen. Fehlt den Eltern aus welchen Gründen auch immer das Geld für das Frühstück, kommen die Kinder hungrig zur Schule, sind unkonzentriert und können dem Unterricht nicht folgen. Wenn eine Familie nicht die Essenspauschale bezahlt, ist das Kind raus und kann nicht mitessen. Eine Spirale nach unten beginnt für schlechte Lebenserfahrungen. Und diese Spirale muss durchbrochen werden.

Seit nunmehr 15 Jahren weist der AWO Bezirksverband Potsdam e.V. immer wieder auf das zentrale Thema Kinderarmut in Potsdam hin und initiierte viele Projekte zur Linderung der Situation.  2008 startete das Projekt Spirellibande. Es sollte keine hungrigen Kinder mehr im Unterricht geben. Begonnen hatte alles an einer Schule, derzeit wird das Projekt an sieben Schulen in der Landeshauptstadt umgesetzt.

Und nun?

Ein sozialer Träger stellt den Menschen und die Lebenswelt indem sich der Mensch bewegt, in den Mittelpunkt. Und das ist der große Unterschied, zwischen der Arbeit eines sozialen Trägers und einer wirtschaftlichen Leistung.

Franziska Löffler, Projektbetreuerin AWO „Spirellibande“

 

 

Wie geht es den ehrenamtlichen Helfern der Spirellibande jetzt?

Statement eines Betroffenen:

„Kinder sind das höchste Gut in unserer Gesellschaft. Sie sind unsere Zukunft. Doch nicht jedes Kind hat von Beginn an die gleichen Chancen und Möglichkeiten, seine Zukunft selbstbestimmt zu gestalten. Einige haben von Geburt an weniger Möglichkeiten als andere, viel in ihrem Leben zu erreichen. Der größte Faktor hierfür ist Armut, die zum Teil schon über Generationen hinweg „weitervererbt“ wird.

Ohne diese Kinder und Familien zu unterstützen, gibt es oftmals wenige Chancen, dieser Armut zu entfliehen und Armut hat viele verschiedene Gesichter. Manche Kinder müssen hungrig zur Schule gehen, können sich deshalb nicht konzentrieren und erreichen dadurch schlechte Ergebnisse. Manche haben keine wettergerechte Kleidung und müssen im Winter frieren. Dies sind nur zwei der vielen Gesichter. Das dies heutzutage in Deutschland noch der Fall ist, darf einfach nicht sein und ist einfach nur traurig.  Dass das Thema Kinderarmut noch dazu sehr wenig Aufmerksamkeit erhält und es wenige gibt, die versuchen etwas dagegen zu unternehmen ist umso trauriger.

Es gibt aber auch engagierte Menschen und Projekte, die darauf aufmerksam machen und versuchen dem Problem Herr zu werden. Wie die Spirellibande, die tagtäglich ihr Bestes gibt, dass kein Kind in unserer Gesellschaft zurückgelassen wird. Und zwar mit kostenloser Frühstücksversorgung, die auch einen pädagogischen Ansatz beinhaltet. Dieser besteht z.B. darin, den Kindern zur Seite zu stehen und ihnen zuzuhören. Probleme, die sonst vielleicht von niemand anderem gehört werden.

Es geht auch darum, für die Kinder eine Ansprechperson zu sein und ihnen beizustehen, wenn sie Hilfe benötigen. Die Politik sollte sich mehr für die Gesellschaft einsetzen und die Zukunft unserer Gesellschaft sind die Kinder. Deshalb sollten wir alle uns dafür einsetzen, dass die Kinder alle Möglichkeiten haben und ihnen alle Türen offen stehen, eine selbstbestimmte, blühende Zukunft zu haben.

Von Yannick Hering

 

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